In diesem Gespräch erklärt Dr. med. Christa‑Maria Hempel, warum der Ausdruck "sexueller Missbrauch" in vielerlei Hinsicht irreführend ist und weshalb sexualisierte Gewalt die angemessene, klare und rechtlich korrekte Bezeichnung sein muss. Sie spricht über die psychischen Folgen für Betroffene, die Mechanismen der Bagatellisierung in Institutionen und wie Gesellschaft, Fachkreise und Sie als Einzelne sensibel und wirksam handeln können. Dieser Beitrag verbindet medizinische Einsichten mit praktischen Handlungsempfehlungen und Hinweisen zu Ressourcen wie QS24, wikiSana, QS24.tv und den QS24 Sprechstunden.
Inhaltsverzeichnis
- Interview: Begriffsklärung und die Macht der Sprache
- Warum "sexualisierte Gewalt" statt "Missbrauch"?
- Bagatellisierung, Täterschutz und institutionelle Blindheit
- Die innere Logik des Traumas: Scham, Schuld und Täterintrojekt
- Früherkennung, Prävention und die Rolle von Fachpersonen
- Therapie, Heilung und gesellschaftlicher Wandel
- Handlungsfelder: Individuell und politisch
- FAQ
- Ressourcen, Angebote und wie Sie weiter Kontakt halten
- Über die QS24 Mediengruppe AG
- Abschließende Worte
Interview: Begriffsklärung und die Macht der Sprache
Corina Klein: Maria, Sie haben einmal gesagt, der Begriff "sexueller Missbrauch" ist problematisch. Warum?
Dr. Christa‑Maria Hempel: Das Wort "Missbrauch" kennt man etwa vom Alkohol. Missbrauch setzt voraus, dass es auch einen erlaubten Gebrauch gibt. Bei Sexualität gegenüber Kindern oder abhängigen Personen gibt es keinen "Gebrauch". Was dort geschieht, ist nicht eine falsche Nutzung, sondern Gewalt. Wenn wir weiter das Wort Missbrauch verwenden, suggerieren wir ungewollt, das sei in einer anderen Konstellation vielleicht in Ordnung. Daraus entsteht Bagatellisierung und letztlich Täterschutz.

Warum "sexualisierte Gewalt" statt "Missbrauch"?
Corina Klein: Welche Konsequenzen hat diese Wortwahl für Betroffene und für die Gesellschaft?
Dr. Christa‑Maria Hempel: Sprache formt Wahrnehmung. Wenn Handlungen als Gewalt benannt werden, ist automatisch auch die juristische und moralische Dimension klarer. Opfer erleben weniger Relativierung, Verfahren nehmen die Straftat ernster, und politisch wird deutlicher, welche Maßnahmen nötig sind. Die Umbenennung ist kein kosmetischer Eingriff. Sie ist ein Schritt, um Verantwortlichkeit sichtbar zu machen und den Opfern Respekt zurückzugeben.

Bagatellisierung, Täterschutz und institutionelle Blindheit
Corina Klein: Sie erwähnten Täterschutz. Wie äußert sich das konkret?
Dr. Christa‑Maria Hempel: Täterschutz erkennt man, wenn Vorfälle vor Gericht heruntergespielt werden, wenn Täter ihren offiziellen Status behalten und nur zu symbolischen Maßnahmen verpflichtet werden. Institutionen neigen dazu, Dinge zu verharmlosen, um ihr Ansehen zu schützen. Damit werden Täter geschützt und Opfer sekundär traumatisiert. Wir brauchen eine klare Sprache und entschlossene, transparente Prozesse, um diesen Schutzmechanismen entgegenzuwirken.

Die innere Logik des Traumas: Scham, Schuld und Täterintrojekt
Corina Klein: Wie gehen Betroffene mit sexualisierter Gewalt um? Warum schämen sie sich so oft?
Dr. Christa‑Maria Hempel: Viele Opfer fühlen sich schuldig — selbst dann, wenn sie gar keine Schuld tragen können. Das liegt an der Verknüpfung von Nähe und Gewalt. Wenn eine vertraute Person verletzt, entsteht ein inneres Hin und Her: Liebe, Angst, Loyalität, Scham. In Gerichtsprozessen hat eine Betroffene den Satz gesagt: "Die Scham muss die Seite wechseln." Damit ist gemeint, Scham darf nicht länger das Opfer belasten; die Verantwortung gehört zum Täter.

Corina Klein: Sie sprachen vom "Täterintrojekt". Was bedeutet das?
Dr. Christa‑Maria Hempel: Das Täterintrojekt beschreibt, wie ein Kind Teile seiner Wahrnehmung und Verantwortung übernimmt, wenn ein vertrauter Erwachsener übergriffig wird. Das Kind denkt: "Wenn diese Person mich begehrt, muss ich falsch sein." So entsteht eine psychische Verstrickung, die sehr schwer zu lösen ist. Therapie und begleitende Stabilisierung können helfen, diese innere Verwirrung aufzulösen.

Früherkennung, Prävention und die Rolle von Fachpersonen
Corina Klein: Wie können Schulen, Vereine und Eltern Warnsignale erkennen und handeln?
Dr. Christa‑Maria Hempel: Sensibilisierung ist zentral. Fachkräfte in Schulen, Sportvereinen und Gemeinden sollten Fortbildungen besuchen, um versteckte Signale wahrzunehmen. Es braucht Ansprechpartner außerhalb der Familie — Sozialarbeiter, Schulpsychologen, externe Vertrauenspersonen. Wenn sich ein Kind meldet, muss es ernst genommen werden. Oft ist die größte Hürde, dass die Umgebung aus Schuld- oder Schutzreflexen auf die Meldung nicht reagiert.
Therapie, Heilung und gesellschaftlicher Wandel
Corina Klein: Wann ist therapeutische Arbeit wirksam, und reicht Verhaltenstherapie aus?
Dr. Christa‑Maria Hempel: Verhaltenstherapie allein greift oft zu kurz, weil viele Verletzungen auf einer tiefen Bindungs- und Vertrauensebene liegen. Es braucht therapeutische Ansätze, die das emotionale Erleben, die Scham und die Körpererinnerungen mitbehandeln. Gesellschaftlich braucht es Mut, das Thema aus der Scham‑Ecke zu holen und Betroffene sicht- und hörbar zu machen.
Handlungsfelder: Individuell und politisch
Corina Klein: Was kann jede einzelne Person tun, damit sich etwas ändert?
Dr. Christa‑Maria Hempel: Fragen Sie sich ehrlich: "Ist das ein Thema für mich?" Achten Sie auf Ihre eigene Sexualität, auf wiederkehrende Traurigkeit oder emotionale Taubheit. Nehmen Sie Hilfe an, wenn nötig. Auf gesellschaftlicher Ebene: treten Sie an Ihre Abgeordneten heran, fordern Sie klare Bezeichnungen und bessere Schutzmechanismen. Wandel beginnt auf individueller und politischer Ebene zugleich.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen "sexuellem Missbrauch" und "sexualisierter Gewalt"?
Die Begriffe unterscheiden sich in der Konsequenz: "Missbrauch" suggeriert, es könne zulässigen Gebrauch geben. "Sexualisierte Gewalt" benennt klar den strafrechtlichen und gewalttätigen Charakter der Handlung. Die korrekte Benennung schützt die Opfer vor Verharmlosung.
Welche ersten Schritte sollen Betroffene unternehmen?
Wichtig ist: Sie müssen die Schuld nicht tragen. Suchen Sie vertraute Ansprechpersonen, professionelle Beratung oder therapeutische Hilfe. Dokumentation und medizinische Versorgung können wichtig sein. Externe Vertrauenspersonen wie Schulsozialarbeiter oder Jugendämter sind Anlaufstellen.
Wie können Institutionen besser vorbeugen?
Durch verpflichtende Fortbildungen, externe Beschwerdestellen, klare Meldewege und die Trennung von Schutzkonzepten und internen Machtstrukturen. Transparenz und unabhängige Kontrollen reduzieren institutionelle Blindheit.
Was kann die Gesellschaft tun, um den Täterschutz zu reduzieren?
Sprache verändern, staatliche und kirchliche Strukturen überprüfen, juristische Konsequenzen klar durchsetzen und den Opfern mehr Gehör und Schutz geben. Politisches Engagement durch Bürgerinnen und Bürger ist hier entscheidend.
Ressourcen, Angebote und wie Sie weiter Kontakt halten
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Abschließende Worte
Die klare Benennung von sexualisierter Gewalt ist ein erster, aber entscheidender Schritt zur Heilung und Gerechtigkeit. Sprache öffnet Türen oder schließt sie. Indem wir präzise sprechen, sensibilisieren wir Institutionen und schaffen Raum für die, die bisher schweigen mussten. Sie können beitragen — durch Achtsamkeit, Weiterbildung und politisches Engagement. Wenn viele einzelne Menschen verstehen, was gemeint ist, verändert sich das System.
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