Veröffentlicht 05/03/2026 in Erfahrungsmedizin von Alexander Glogg

Schutz vor sexueller Gewalt – Interview mit Mag. Wolfgang Kostenwein


Schutz vor sexueller Gewalt – Interview mit Mag. Wolfgang Kostenwein

Dieses Gespräch behandelt das schwierige Thema sexuelle Gewalt und Missbrauch aus einer praxisnahen, zugleich visionären Perspektive. Die Antworten von Mag. Wolfgang Kostenwein zeigen mögliche Wege zur Prävention, therapeutischen Hilfe und gesellschaftlichen Verantwortung auf. Der Beitrag verbindet klare, empathische Sprache mit konkreten Empfehlungen. Für Sie als Leser stehen Schutz, Unterstützung und Orientierung im Zentrum.

Inhaltsverzeichnis

Interview

Alexander Glogg: Herr Kostenwein, was begegnet Ihnen in Ihrer Arbeit häufig im Bereich sexueller Gewalt — aus Sicht der Betroffenen und der Täterinnen und Täter?

Wolfgang Kostenwein: In meiner Praxis zeigt sich zuerst eines ganz klar: Sexuelle Gewalt war lange ein Tabuthema. Nur weil es jetzt besprechbar ist, heißt das noch nicht, dass die Bedingungen sich automatisch verbessern. Oft schaffen gesellschaftliche Strukturen Räume, in denen Grenzüberschreitungen leichter passieren. Auf der Seite der Betroffenen fehlen oft Kompetenzen, sich frühzeitig zu schützen. Auf der Seite der Täterinnen und Täter ist Strafrecht allein keine ausreichende Antwort. Viele dieser Menschen sind nicht „kriminelle Monster“ im klassischen Sinn, sondern befinden sich in einem sexuell dysfunktionalen Erregungssystem, das von Grenzverletzungen abhängig ist. Das erklärt, warum rein strafrechtliche Abschreckung nicht immer präventiv wirkt.

Interviewpartner gestikuliert mit beiden Händen während er spricht, deutliche Körpersprache

Alexander Glogg: Wie lässt sich das Erregungssystem verstehen — und ist das „krankhaft“?

Wolfgang Kostenwein: Die Bezeichnung „krankhaft“ trifft auf die moralische Dimension, ist aber für die therapeutische Arbeit nicht hilfreich genug. Sexuelle Straftäterinnen und -täter haben häufig wenig Zugang zu ihrer gesunden Sexualität. Sie benötigen affektive Aufladung, die nur durch Tabubrüche entsteht. Ein zentrales Ziel ist, diese Menschen zu einer autonomeren, spürbaren Sexualität zu führen, in der sie solche Grenzverletzungen nicht mehr brauchen. Das ist die Aufgabe von Sexualtherapie, ergänzt durch sexualpädagogische Prävention.

Alexander Glogg: Wenn Personen merken, sie seien gefährdet — kommen sie dann früh genug in Therapie?

Wolfgang Kostenwein: Nicht immer, aber es gibt Hoffnungszeichen. Es kommen Menschen zu mir, die merken, dass Anziehung zu Kindern besteht und sie Hilfe suchen, bevor etwas passiert. Das ist ideal. Leider landen viele nach Verurteilungen eher in allgemeiner Psychotherapie statt in spezialisierter Sexualtherapie. Verantwortungsübernahme ist wichtig, aber sie allein reicht nicht. Sexodynamische Arbeit ist notwendig, damit das Erregungssystem anders reguliert werden kann.

Mittlere Aufnahme von Wolfgang Kostenwein mit offenen Händen, Gesprächssituation vor neutralem Hintergrund

Alexander Glogg: Wie begegnet man sexueller Gewalt in Beziehungen und Familien — wann muss jemand handeln?

Wolfgang Kostenwein: Die meisten Übergriffe passieren im Beziehungssystem: Ehe, Partnerschaften, oder durch Bezugspersonen bei Kindern. Das erschwert das Erkennen und Handeln. Liebe und Nähe machen ein klares Nein schwieriger. Für Kinder ist die Lage noch komplizierter. Programmatische Neinsage-Workshops in Grundschulen sind gut gemeint, greifen aber oft zu kurz. Kindern muss zuerst ein positiver, sicherer Zugang zu ihrem Körper vermittelt werden — sie müssen lernen, sich zu spüren, bevor ein klares Nein möglich wird. Die Verantwortung liegt immer bei den Erwachsenen.

Weitwinkel des Studiointerviews mit beiden Gesprächspartnern und Tisch mit Glas

Alexander Glogg: Was sind sinnvolle Präventionsschritte für Kinder und Familien?

Wolfgang Kostenwein: Relevante Prävention stärkt Autonomie und Selbstwahrnehmung. Praktische Punkte sind:

  • Frühe Körper- und Selbstwahrnehmung: Kinder sollen ihren Körper als wertvoll und schützenswert erleben.
  • Kein übermäßiges Bravsein fördern: Kinder, die stets „brav“ sind, neigen dazu, Erwachsenenwünsche zu erfüllen statt eigene Grenzen zu leben.
  • Erwachsenenverantwortung: Prävention muss bei der Gestaltung von Erwachsen-Bezugspersonen-Beziehungen ansetzen, nicht allein bei Kindern.

Alexander Glogg: Wie verläuft Therapie für Betroffene nach Gewalterfahrung?

Wolfgang Kostenwein: Zuerst braucht es Raum, das Erlebte zu benennen. Dann ist es wichtig, die Tat von der eigenen Sexualität zu trennen und Selbstermächtigung zurückzugewinnen. Verdrängung ist schädlich. Die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse erfordert oft Traumatherapie, Psychotherapie und in vielen Fällen Sexualtherapie, um die eigene Sexualität wieder sicher und positiv zu erleben.

Wolfgang Kostenwein mittlere Aufnahme, Hände offen und erklärend, engagierter Ausdruck

Alexander Glogg: Soll man eine Anzeige erstatten?

Wolfgang Kostenwein: Das ist individuell. Auf politischer Ebene ist Anzeige wichtig, damit Täterinnen und Täter nicht unbehelligt bleiben. Für die persönliche Aufarbeitung hilft eine Anzeige nicht immer. Bei Kindern steht das Wohl des Kindes im Vordergrund: Gerichts- und medizinische Verfahren können selbst belastend sein. Eine differenzierte Abwägung ist notwendig, begleitet von Fachleuten.

Alexander Glogg: Welche Rolle spielt die Gesellschaft — und welche Systeme begünstigen Übergriffe?

Wolfgang Kostenwein: Autoritäre Systeme erschweren Autonomie und fördern Machtungleichgewichte. Institutionen mit langen hierarchischen Strukturen können Raum für Missbrauch schaffen. Deshalb ist gesellschaftliche Veränderung nötig: Bildung, Förderung von Autonomie, sexologische Weiterbildung und eine Kultur, die sexuelle Integrität schützt.

Zwei Personen im Studiogespräch, linker Gesprächspartner erklärt mit offenen Händen

Praktische Handlungsempfehlungen

  • Für Betroffene: Suchen Sie professionelle Hilfe (Trauma- oder Sexualtherapie) und wägen Sie Anzeigeoptionen mit Fachpersonen ab.
  • Für Eltern und Erziehende: Fördern Sie Selbstwahrnehmung, keinen übertriebenen Gehorsam, und schaffen Sie sichere Gesprächsräume.
  • Für Fachleute: Kombinieren Sie Verantwortungsübernahme mit sexodynamischer Arbeit, nicht nur kognitiver Intervention.
  • Für Gesellschaft und Politik: Setzen Sie auf Prävention in Institutionen, Transparenz und spezialisierte Therapieangebote.

FAQ

Was soll ich tun, wenn ich selbst sexuelle Gewalt erlebt habe?

Suchen Sie professionelle Hilfe. Je nach Belastung kann das eine Traumatherapie, eine Sexualtherapie oder eine psychotherapeutische Begleitung sein. Eine erste Anlaufstelle kann ein Sexualpädagoge oder eine spezialisierte Beratungsstelle sein. Sie entscheiden über Anzeige und Therapie-Schritte gemeinsam mit Fachpersonen.

Ist Anzeige immer der richtige Weg?

Aus gesellschaftlicher Sicht ist Anzeige wichtig. Persönlich kann der Prozess belastend sein. Besonders bei Kindern muss das mögliche Trauma durch Untersuchungen mitbedacht werden. Daher ist eine individuelle, fachlich begleitete Entscheidung essenziell.

Hilft es Kindern, „Nein sagen“ zu üben?

Nein-Workshops sind gut gemeint, aber oft zu kurz. Kinder brauchen zuerst einen positiven Zugang zu ihrem Körper und Sicherheit in Selbstwahrnehmung. Die Verantwortung zur Prävention liegt bei den Erwachsenen.

Wie kann man Täterinnen und Täter am besten erreichen?

Strafrechtliche Maßnahmen sind notwendig, reichen allein aber nicht. Sexualtherapie mit sexodynamischem Fokus fördert Selbstwahrnehmung und eine autonomere Sexualität, die Grenzverletzungen nicht braucht. Frühe Interventionen, wenn Menschen ihre Anziehung erkennen und Hilfe suchen, sind besonders wirksam.

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Abschluss

Sexuelle Gewalt verlangt klare Verantwortung von Gesellschaft, Institutionen und Individuen. Prävention beginnt bei der Stärkung von Selbstwahrnehmung und Autonomie, Therapie verbindet Verantwortungsübernahme mit sexodynamischer Arbeit. Wenn Sie betroffen sind oder als Fachperson handeln wollen: Es gibt Wege aus dem Trauma hin zu Selbstermächtigung.

Herzlichen Dank für Ihr Interesse und Ihre Bereitschaft, dieses Thema ernst zu nehmen. Möge das, was Sie hier lesen, Sie stärken und leiten.

In Dankbarkeit,

Alexander Glogg

Weitwinkelaufnahme: zwei Personen im Studiogespräch, Tisch und Pflanze im Hintergrund, untere Einblendung zum Thema



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